Brixen

Das Zimmer hat einen Teppichboden. Er dämpft unsere Schritte, wenn wir mit unseren Teetassen hineingehen und uns an einen Tisch setzen. Um das Licht einzuschalten, gibt es für jede der Wandleuchten einen Lichtschalter. Der große Kronleuchter an der Decke bleibt dunkel. Wenn wir zwischen den Gesprächen das Fenster öffnen, dringt der Fluss ins Zimmer. Ich frage mich, ob es regnet, und schaue in den Himmel.

Mittags spazieren wir durch die Unterdrittelgasse zur Unteren Schutzengelgasse. Menschen gehen an uns vorbei, manchmal grüßen wir einander. Hier werden die Bilder und Texte stehen. Sophie zeigt auf Häuserfassaden und wir heben den Blick. Beim Rückweg gehen wir durch den Park. Das Laub raschelt am Boden und weiter vorne fließen Rienz und Eisack zusammen.

Wir hören zu, schreiben auf. Die Gespräche sind zwischen den Sprachen und zwischen manchen Sätzen ist es leise. Manchmal lachen wir. Manches bleibt ungesagt. Die Vorhänge sind zur Seite geschoben und in den Falten sammelt sich Luft. Auf dem Tisch liegen Fotoaufnahmen. Ich schiebe ein Glas beiseite und nehme Fotos in die Hand, schaue sie nacheinander an. Wenn ich sie umdrehe, sehe ich eine Notiz oder ein Datum auf der Rückseite.

Hanna geht nach draußen und ich höre, wie sie telefoniert. Sie erklärt, wie sich das Tor öffnen lässt. Der Türgriff ist auf der anderen Seite, die Bewegung ist ungewohnt. Ich versuche, mir den Griff vorzustellen. Als ich in der Früh kam, stand das Tor offen.

Wir lehnen an der Theke der Bar, die erst im November öffnen wird. Lausanne ist ein bisschen wie Brixen, sagt Sophie. Wenn die Tage warm sind, gehen wir zu dieser Jahreszeit noch an den Strand. Ich war noch nie dort, sage ich. Draußen wird es dunkel. Wir gehen zum Domplatz und um den Lebensbrunnen herum, während das Wasser hineinfließt und an den Rändern abfließt.

Ich blättere mein Notizbuch zu, lege ihn in meine Tasche und schließe den Reißverschluss. Sophie sammelt die leeren Tassen und Gläser ein. Ich schaue nach draußen. In den Fensterscheiben spiegeln sich die Wellen im Fluss und es scheint, als würden sie einander entgegenfließen. Ich ziehe meinen Mantel an, binde die Haare zurück. Ich nehme meine Tasche in die Hand. Bevor ich hinausgehe, werfe ich einen letzten Blick in den Raum. 


-------------------------------


The room has a carpeted floor. It absorbs the sound of our footsteps when we enter with our tea cups and sit down at the table. To turn on the lights, there is a light switch for each of the wall lights. The large chandelier hanging from the ceiling remains dark. When we open the windows between conversations, the river invades the room. I ask myself if it’s raining, and I look up at the sky.

At noon, we take a walk along Unterdrittelgasse to the Untere Schutzengelgasse. People passing; sometimes we say hello. This is where the images and texts will appear. Sophie points at façades, and we raise our eyes. We take the way back through the park. Leaves rustle on the ground, and further ahead, the Rienz and Eisack rivers converge.

We listen, write things down. Conversations switch between languages, and sometimes there is silence between sentences. Sometimes we laugh. Some things remain unsaid. The curtains are pulled open, and air is collecting in the folds. There are photographs on the table. I push aside a glass and pick up the photographs, looking at them one after the other. When I flip them over, I’ll find a note or a date on the back.

Hanna steps outside, and I can hear her talking on the phone. She explains how to open the gate. The door handle is on the other side; the motion unfamiliar. I try to picture the door handle in my mind. When I arrived this morning, the gate was open.

We lean against the counter at the bar which won’t open until November. Lausanne is a little bit like Brixen, says Sophie. When days are warm, we still go to the beach at this time of year. I’ve never been there, I say. It’s getting dark outside. We go to the Cathedral Square and walk around the Fountain of Life as the water is pouring in and draining off at the edges.

I flip my notebook shut, put it in my handbag, and close the zip. Sophie gathers the empty cups and glasses. I look outside. The waves of the river are reflected in the window panes, and it seems as if they’re flowing towards each other. I put on my coat, tie back my hair. I pick up my handbag. Before I leave, I look around the room one last time.


Julia

das eis spüren, fließend

das gewicht

immer wieder

von einem bein

aufs andere

aufs herz

auf luft


Julias große Leidenschaft war der Eiskunstlauf. Es war Liebe auf den ersten Blick, und so trainierte sie zunächst im Wintersportverein Brixen, später im Leistungszentrum Young Goose Academy in Neumarkt, dann führte ihr Talent sie nach Salzburg, wo sie Teil des Eisteams Salzburg wurde. Die Eiskunstläuferin nahm erfolgreich an nationalen und internationalen Wettbewerben teil und blieb auch mit vielen Podiumsplätzen immer sich selbst treu. Sie fand viele Freundschaften in der Eiskunstlaufszene und hatte auch Freude daran, mit Kindern zu trainieren und ihre Liebe zu diesem Sport weiterzugeben.

Über eine Brücke gelangte Julia schnell von der Universität zur Eishalle und verband so in ihrem Alltag Studium und Sport. Sie hatte einen gut organisierten Tagesablauf und verfolgte ihre Ziele mit Disziplin und Hingabe, tat alles mit Herz und Begeisterung. Oft startete sie mit einem Sonnengruß in den Tag, dann fuhr sie zur Eishalle. Sie nahm ihre Schlittschuhe aus ihrem Kasten, trat zum Rand der Eisbahn und glitt mit einer geschmeidigen Bewegung auf das Eis, zog ihre ersten Runden, wärmte sich mit ein paar Schrittfolgen ein und hörte das vertraute Geräusch, mit dem die Kufen der Schlittschuhe ihre Spuren auf dem Eis zeichneten.

Mit ihrer Mutter telefonierte Julia täglich, dabei tauschten sie sich über viele Themen aus. Vielleicht stand Julia in der Küche, schnitt gerade etwas auf, und berichtete währenddessen durch das Handy über ihr Studium, erzählte von ihren Freundschaften oder ihrer Arbeit im Fitnesscenter. Manchmal regte Julia sich über Ungerechtigkeiten auf, und ihre Mutter besänftigte sie, motivierte sie. Im Studium beschäftigte Julia sich mit Ernährung, Bewegung und Gesundheit. Ihr gefiel es, Lebensmittel einzukaufen und mit ihrem Freund zu kochen, sie experimentierte gerne und teilte ihre gesunden Rezepte in den sozialen Medien.

Wenn Julia von Salzburg nach Brixen fuhr, holte ihr Vater sie in Innsbruck ab, und schöne Gespräche begleiteten die Autofahrt nach Hause. Julia fragte, wie es ihrer Mutter ging, ihrem Bruder, ihren Großeltern, Tanten, Onkeln und Cousinen. Die Familie bedeutete ihr viel. Mit ihrem Bruder zog Julia oft durch die Gassen und genoss es dabei, mit ihm über alles zu reden, Wichtiges und Unwichtiges. Sie mochte es, ihre Lieben um sich zu haben und schätzte auch neue Begegnungen, unterhielt sich gerne und hatte eine natürliche Fähigkeit, auf andere einzugehen. Den Menschen fielen ihre strahlenden Augen auf, ihre ehrliche Zuwendung, die gleich eine besondere Nähe aufkommen ließ.

Neben vielen Bildern gibt es ein Foto, da lächelt Julia in die Kamera, ihr blondes Haar fällt weich auf ihre Schulter, auf der ein Wellensittich sitzt und sich an ihre Wange schmiegt, Feder an Haar. Vielleicht haben sie die Flügel gemeinsam ausgebreitet, vielleicht hat er es ihr einmal ins Ohr geflüstert, von einer Luft erzählt, die trägt. Vielleicht war es ein warmer Aufwind, an dem Tag, eine Ahnung von Leichtigkeit nur, wie bei einem Sprung auf dem Eis, der sich im Anlauf andeutet, schon in den ersten Schritten, jedes Mal neu und doch bekannt, gespeichert, eine intuitive Bewegung, die fliegen lässt. Julia ging plötzlich, mit dreiundzwanzig Jahren, es war ein Unfall. Das Lächeln, mit dem sie allen begegnete, drang tief und ihre offene, herzliche Art berührte die Seele an Orten, die diese Umarmung immer spüren werden.


-------------------------------


feeling the ice, flowing,

shifting her weight

again and again

from one leg

to the other

to her heart

to thin air

 

Julia Maria Gaiser had one great passion: figure skating. It was love at first sight, and so she first started training at the winter sports association of Brixen, later at the Young Goose Academy performance centre in Neumarkt; then her talent was recognised in Salzburg, and she became a member of the EisTeam Salzburg. She successfully competed in national and international figure skating competitions, and even after many podium finishes, she always stayed true to herself. She made many friends in the figure skating scene and also enjoyed coaching children and sharing her love for this sport.

A bridge connected the university with the ice skating rink, so Julia could move quickly between studying and sports in her everyday routine. Her days were well-organised, and she pursued her goals with discipline and dedication, her heart and soul in everything she did. She would often begin her day with a sun salutation and then go to the ice skating rink. She would take her ice skates out of the locker, step to the edge of the skating rink, and elegantly glide onto the ice, making a few rounds, warming up with a few sequences of steps, and hearing the familiar sound of the blades of her ice skates leaving their tracks in the ice.

Julia would call her mother on the phone every day, and they would talk about many things. Sometimes Julia would perhaps be in the kitchen, chopping something, while talking about her studies on the phone, about her friendships, or her work at the gym. Sometimes Julia would get upset about something unfair, and her mother would calm her down, motivate her. At university, Julia studied nutrition, exercise, and health. She enjoyed grocery shopping and cooking together with her boyfriend, she liked to experiment and shared her healthy recipes on social media.

When Julia went from Salzburg to Brixen, her father would come to pick her up in Innsbruck, and the drive home would be filled with nice conversation. Julia would ask after her mother, her brother, her grandparents, aunts, uncles, and cousins. Her family meant a lot to her. With her brother, Julia would often walk the city and enjoy talking to him about all kinds of things, important and unimportant. She enjoyed being surrounded by her loved ones, and she also liked meeting new people, enjoyed conversation, and empathy came natural to her. People would notice her shining eyes, her honest attention, which would immediately create a special kind of closeness.

Among many other pictures, there is one photograph of Julia smiling into the camera, her blonde hair softly touching her shoulder, on which a budgie is perched, nestling against her cheek, feathers to hair. Perhaps they spread their wings together; perhaps it whispered into her ear once, about the kind of air that carries you. Perhaps it was a warm upwind that day, just a hint of lightness, like a jump on the ice which is hinted at in the entrance phase, even in the first few steps, new every time yet familiar, memorised, an intuitive motion to make you fly. Julia went suddenly, at twenty-three years old, it was an accident. The smile she had for everyone she met went deep, and her open and warm manner touched the soul in places that will always feel this embrace.


Martin

mit den händen                                                                                 

bewegungen erleben und

formen, in

jeder skulptur

einen moment fassen

und erzählen

 

 

Wenn jemand in der Brunostraße 13 vorbeischaute, stand Martin vielleicht gerade auf der Konstruktion einer Skulptur, die Hände weiß vom Gips. Er hatte einen Schurz umgebunden und einen Lodenhut aufgesetzt. Oder er war gerade in der Stadt, um Milch zu holen und Besorgungen zu erledigen. Dabei traf er oft auf Bekannte und wechselte ein paar Worte mit ihnen, bevor er zurück in die Werkstatt ging. Martin beobachtete gerne, formte Skulpturen aus Momenten.

Nach Brixen zogen Martin und seine Frau Klementine in den Sechzigerjahren, als er nach dem zweiten Vatikanischen Konzil mit der Arbeit an den Volksaltären beauftragt wurde, etwa für den Brixner Dom. Geboren wurde Martin 1923 im Schnalstal und wuchs dort auf einem der Höfe auf, die später im Vernagt-Stausee versinken würden. Nach dem Krieg besuchte Martin die Kunstschule in Gröden und wollte dann mit einem Freund an der Akademie der Bildenden Künste in München studieren. Gemeinsam hatten sie sich dafür eine Ledertasche gekauft. Weil sie schließlich an unterschiedlichen Akademien genommen wurden, musste einer die Tasche behalten und sie dem anderen abbezahlen. Geld gab es nicht viel, aber die Zeit an der Akademie war eine schöne Zeit. Es wurden Späße gemacht, es war eine kreative Zeit, es wurde gearbeitet.

Als Martins Kinder klein waren, saßen sie oft bei ihrem Vater in der Werkstatt und beschäftigten sich mit Holz und Werkzeug, spielten. Martin sah ihnen dabei zu, machte Skulpturen über sie. Für die Familie war die Nähe zur Kunst etwas Alltägliches, sie war da, wie ein Tisch oder ein Stuhl, und manchmal hing Martin seinen Hut auf einer Skulptur auf.

In Andenken an Martin Rainer wird seit einigen Jahren ein Preis ausgeschrieben. Man begegnet dem Werk des Künstlers auch beim Brunnen auf dem Domplatz oder bei den Jahreskrippen in der Hofburg. Früher waren diese Krippen zuhause in der Stube der Familie, und wenn jemand vorbeikam, waren die Kinder still und hörten zu, wie Martin und seine Frau von den Figuren erzählten.


-------------------------------


using the hands                                                                                   

to experience movement and

forming, capturing

a moment

in every sculpture

and telling its story

 

 

When someone came to call at Brunostraße 13, Martin would perhaps be up on the scaffold working on a sculpture, hands white with plaster. He would wear a leather apron and a loden hat on his head. Or perhaps he would be in town to buy milk and run some errands. There he would often meet people he knew and exchange a few words before heading back to his workshop. Martin loved to observe, formed sculptures based on moments.

Martin and his wife Klementine moved to Brixen in the sixties, when he was commissioned to work on the people’s altars, for example at the Cathedral of Brixen, after the Second Vatican Council. He was born in 1923 in the Schnalstal valley and grew up there on one of the farms which would later be submerged in the Vernagt-Stausee reservoir. After the war, Martin attended art school in Val Gardena and planned to study at the Academy of Fine Arts in Munich together with a friend after that. They had pooled their resources to buy a leather bag together specially for that. As they were ultimately accepted at different academies, one of them had to keep the bag and pay his share to the other. Money was scarce, but the time at the academy was a good time. There was mischief, it was a creative time, there was work.

When Martin’s children were little, they would often sit in their father’s workshop and occupy themselves with wood and tools, playing. Martin would watch them, make sculptures about them. Being around art was something completely normal in this family; it was there, like a table or a chair, and sometimes Martin would hang his hat on a sculpture.

For some years now, a prize has been awarded in honour of Martin Rainer. You can encounter his art in the fountain on the Cathedral Square or the all-year nativity scenes at the Hofburg Palace. These nativity scenes used to live in the family room at home, and when someone stopped by, the children would be quiet and listen to Martin and his wife telling them about the figures.


Greta

zu fuß

nach hause, das sind

unsere ersten schritte

wie das gehen

wie das sprechen

aus dem bauch



Als Greta geboren wurde, war es Mittag. Es waren sieben Jahre seit der Geburt des ersten Sohnes vergangen und alle hatten sich über die Schwangerschaft gefreut. An einem Morgen wachte die werdende Mutter mit starken Schmerzen auf. Es war früh, vielleicht sechs Uhr. Es war die dreiundzwanzigste Schwangerschaftswoche, mitten im sechsten Monat. Die Frau spürte, dass etwas nicht stimmte. Ihr Mann war im Ausland und sie rief eine befreundete Hebamme an. Sie gingen ins Krankenhaus.

Ich brauche Hilfe, sagte die Frau und klopfte gegen eine Tür. Sie gingen auf die Station der Gynäkologie, und schließlich lag die Frau da und der Bauch wurde untersucht. Die Gynäkologin wurde unruhig und holte einen weiteren Arzt hinzu. Die Schmerzen waren Wehen. Der Muttermund war offen, der Körper war bereit für die Geburt. Niemand konnte sagen, warum. Der Arzt wies an, direkt in den Kreißsaal zu gehen, dann war er weg. Man fragte noch, ob die Frau damit einverstanden wäre, wenn keine Reanimierungsversuche gestartet werden würden. Die Geburt war schmerzhaft und im Bauch wuchs ein Loch. Es war Mittag. Sie hätte Greta heißen sollen, sagte die Mutter, und die Hebamme sagte, das ist Greta.

Es verging etwas Zeit, bis die Mutter Greta anschauen konnte, berühren konnte. Später kamen die Schwestern, der Mann und der Sohn. Greta war klein. Sie wurde in eine rosafarbene Häkeldecke gewickelt und lange im Arm gehalten. Am Abend ging die Familie zu Fuß nach Hause.

Greta ist ein Sternenkind. Es gibt zwei kleine Fußabdrücke auf Papier. In manchen Schritten im Alltag ist sie, in Begegnungen, in der Verbundenheit. Manchmal sage ich, ich habe drei Kinder, sagte die Mutter. Ein paar Jahre später kam eine Tochter auf die Welt. Als diese drei Jahre alt war, trauerte sie um ihre Schwester, mit der sie nicht spielen konnte.


-------------------------------


walking

home, those are

our first steps

like walking

like talking

from the place that held you



Greta was born at noon. Seven years had passed since the first son was born, and everybody was overjoyed at the pregnancy. One morning, the expectant mother woke up in severe pain. It was early morning, perhaps six o’clock. She was twenty-three weeks along, in the middle of her sixth month of pregnancy. The woman could feel that something wasn’t right. Her husband was out of the country, and she called a friend who was also a midwife. They went to the hospital.

I need help, said the woman and knocked on a door. They went to the obstetric unit, and eventually the woman lay there and had her belly examined. The obstetrician became worried and went to get another doctor. The pain was labour. Her cervix was fully dilated, her body ready to give birth. Nobody could tell why. The doctor ordered her to go straight to the delivery suite, and then he was gone. Before she went in, they asked the woman if she agreed to them not attempting resuscitation. The birth was painful, and a hole grew in her belly. It was noon. Her name was supposed to be Greta, said the mother, and the midwife said, This is Greta.

Some time passed until the mother was allowed to look at Greta, touch her. Later came her sisters, her husband and son. Greta was small. She was wrapped in a pink crochet blanket, and they held her for a long time. Later that evening, the family walked home.

Greta was stillborn. With her, grief entered the life of the family, and the mother couldn’t sleep for a very long time. It took time for her to come fully back to life, almost a year. There are two little footprints of Greta on paper. She is present in some everyday activities, in encounters, in the bond. Sometimes I say that I have three children, said the mother. A few years later, a daughter was born. When she was three years old, she mourned the sister she was never able to play with.


Josef

oben ankommen

und schauen, weit

einatmen und worte suchen

die einander in

allen räumen

begegnen


Josef war gerne in der Natur unterwegs. Bei seinen Wanderungen nahm er oft eine Fotokamera mit. Wenn er früh losging, war es auf dem Gipfel ruhig und im Tal noch dunkel. Der Horizont war weit, und Josef schaute mit einem Auge durch die Kamera und beobachtete, wie der Himmel sich färbte. Dann dauerte es nicht lange, und über die Bergspitzen hinweg erwiderten die ersten Sonnenstrahlen seinen Blick.

In der Physik schrieb Josef seine Doktorarbeit und er unterrichtete Physik und Mathematik an einer Oberschule. Die Schüler mochten und schätzten ihn und ihm gefiel es, seine Leidenschaft weiterzugeben und Experimente zu machen. Er war hochgewachsen, ruhig. Seine Arbeit erledigte er gewissenhaft und er war gut organisiert, sodass es nicht auffiel, wie dicht die Tage waren. In der Musikkapelle spielte Josef das Horn und über die Musik hatte er auch seine Frau kennengelernt, beim Singen. Die Hochzeitsreise führte das Paar in die USA, später wurde eine Tochter geboren. Josef war handwerklich begabt, er machte ihr einmal ein Schaukelpferd.

Im Sommer 2018 war er mit Freunden auf dem Gipfel des Mont Blanc. Im Nachhinein war es erstaunlich, dass ihm diese Anstrengung so leichtgefallen war, dass er so fit gewesen war. Die Diagnose kam erst später, die Krankheit hatte schon vorher begonnen. Der Krebs war nicht heilbar, aber vieles wurde versucht. Wenn ich mich beschwere, ändert es nichts, sagte Josef und sprach offen mit seiner Frau, seiner Familie. Es war eine Suche nach Worten, Fragen, ein Versuch zu begreifen, es war eine tiefe Nähe, und Josefs Art, mit der Krankheit umzugehen, spendete dabei viel Kraft. Etwa ein Jahr später fand Josef den Frieden, da war er sechsunddreißig Jahre alt. Es war Weihnachten und seine kleine Tochter sagte, die Engel hätten ihn geholt. Sie sieht ihm ähnlich, und er wünschte sich, dass sie die Natur und die Berge lieben lernt.

Vieles konnte man von Josef lernen, vieles lässt seine Anwesenheit spüren, seine Ausstrahlung, und die Dankbarkeit darüber ist groß und tröstend. Wenn er zuhause war, saß er manchmal lange vor dem Bildschirm, sah sich seine Fotografien am Computer an, bearbeitete sie. Es gefiel ihm, das Beste aus den Bildern herauszuholen. Ein paar davon wählte er aus, sie hängen in den Zimmern, öffnen sich den Blicken.


-------------------------------

arriving at the top

and gazing, breathing

deeply and looking for words

which meet

time and again

everywhere

 

Josef loved being out in nature. He would often bring a camera when he went hiking. When he started early, it would still be quiet on the summit and dark in the valley. The horizon would be endless, and Josef would look through the viewfinder with one eye and watch the sky change colours. Then it wouldn’t be long until the first few sunbeams returned his gaze over the mountaintops.

Josef wrote his doctoral thesis in physics and taught physics and mathematics at a secondary school. His pupils liked and respected him, and he enjoyed sharing his passion and conducting experiments. He was tall, quiet. He did his work diligently, and he was well-organised, so he didn’t even notice how packed his days were. Josef played the horn in an orchestra, and music was also how he met his wife; singing, specifically. The couple went to the U.S. for their honeymoon; later, a daughter was born. Josef was a skilled craftsman; he once made a rocking horse for her.

In the summer of 2018, he went to the top of Mont Blanc with some friends. Looking back, it was amazing that he mastered the tour so easily, that he had been in such good shape. The diagnosis wouldn’t come until later; the illness had already taken hold. The cancer was incurable, but they tried many things. Complaining won’t change a thing, said Josef, and he spoke openly with his wife, his family. It was a quest for words, questions; an attempt to understand; it was a deep bond; and Josef’s way of dealing with his illness was a great source of strength in all that. About a year later, Josef found peace at the age of thirty-six. It was Christmas, and his little girl said that the angels had taken him. She looks like him, and he wished for her to learn to love nature and the mountains.

They learned a lot from Josef; his presence, his aura is there in many things, and they feel great, comforting gratitude for that. When he was home, he would sometimes sit and look at the computer monitor for hours on end, browsing through his photographs, editing them. He enjoyed getting the best out of the photographs. He selected a few of them; they are hung in the rooms, for people to see.


Maria

von der küche

geht der blick

hinaus, manchmal

die fenster aushängen

und hundert jahre

spüren im

wind

 

 

Maria wurde 1914 in Albeins geboren. Sie war die Älteste von zehn Kindern, von denen zwei bereits im Kindbett starben. Drei Brüder kamen später im Krieg ums Leben. Maria erinnerte sich an das Ausharren in den Bunkern. Wenn der Bombenalarm losging, mussten sie die Fenster aushängen, damit sie nicht zersprangen. Maria wuchs auf, führte Milch aus, arbeitete mit den Pferden. Später war sie in einem Hotel, bügelte und erledigte die Hausarbeit. Maria wurde von allen Moidl genannt. Sie tanzte gerne, spielte Akkordeon. Nach der Hochzeit fuhr sie mit ihrem Mann für zwei Wochen nach Meran.

Später lebte Maria im Erdgeschoss. Im Eingang hing ein Weihwasserkessel. Maria hatte einen Enkel und eine Tochter verloren, der Glaube gab ihr Halt. Mit dem Alter ging sie nicht mehr so gerne aus dem Haus, aber öfters kam Besuch vorbei, Familie oder Freunde. Maria kochte gerne für sie. Und Gingerini gab es immer im Haus, für den Pfarrer, sagte sie.

Im Gang war ein Steinboden, da stand ein Gasherd. Dort wurden besondere Gerichte gekocht, Blattln mit Kraut etwa. Oft half jemand Maria beim Kochen. Es gab lange Bretter, darauf wurden die Blattln gelegt. An den Geschmack erinnert man sich noch heute.

Wer an Maria denkt, sitzt vielleicht mit ihr in der Küche, auf dem Tisch sind Mogenzuckerlen und das Radio ist an. Volksmusik ist zu hören oder der Rosenkranz. Maria betete mit, ab und zu hob sie den Blick und schaute aus dem Fenster, strich über ihre Schürze, bevor sie aufstand und in den Garten ging. Dort stand sie manchmal mit dem Besuch und schaute den Eidechsen zu, wie sie über die warmen Steine huschten. Maria kümmerte sich gerne um den Garten. Rittersporn, Pfingstrosen, Rosen, Schneeglöckchen, Märzenbecher. Sie liebte Blumen, und in ihrem Garten wuchsen viele.


-------------------------------

from the kitchen

the eyes travel

outside, sometimes

removing the windows

and feeling

a hundred years

on the wind

 

 

Maria was born in 1914 in Albeins. She was the oldest of ten children, two of whom died in infancy. Three brothers would later lose their lives in the war. Maria remembered the hours of waiting in the bunkers. When the air-raid sirens sounded, they would have to remove the windows from their hinges to keep them from cracking. Maria grew up, delivered milk, worked with the horses. Later she worked at a hotel, ironing and doing the housework. Everybody called Maria “Moidl”. She loved to dance, played the accordion. After the wedding, she and her husband went to Merano for two weeks.

Later, Maria lived on the ground floor. A home stoup was hung at the entrance. Maria had lost a grandson and a daughter; she found strength in her faith. As she got older, she wouldn’t leave the house as much anymore, but people would often stop by for a visit, family or friends. Maria enjoyed cooking for them. And there were always gingerini in the house, for the parish priest, she said.

The hallway had a stone floor, and a gas stove stood on it. It was used to cook special meals, such as blattln with sauerkraut. Often somebody would help Maria cook. There were long boards on which the blattln would be placed. People still remember the taste today.

When they think of Maria, they may be sitting in the kitchen with her, Mogenzucker sweets on the table, and the radio playing. It is playing folk music, or perhaps a recitation of the Holy Rosary. Maria would pray along, sometimes she would lift her eyes and look out the window, run her hands over her apron before getting up and going into the garden. There she would sometimes stand with her visitors and watch the wall lizards skittering over the warm stones. Maria enjoyed taking care of her garden. Larkspur, peonies, roses, snowdrops, spring snowflakes. She loved flowers, and many grew in her garden.


Nadia Rungger

photo© Mayk Wendt

those five stories have been produced for Waterlight Festival in Brixen (IT)
April 29 -May 16, 2026
with support from:

Nadia Rungger, *1998, Autorin, lebt in Südtirol. Studium der Germanistik und der Angewandten Linguistik in Graz und Brixen. Ihr Debut „Das Blatt mit den Lösungen. Erzählungen und Gedichte“ (Verlag A. Weger) erschien 2020. Mehrere Literaturpreise und Auszeichnungen für Prosa und Lyrik auf Deutsch und Ladinisch, u. a. der Literaturpreis Irseer Pegasus und das LICHTUNGEN-Lyrik-Stipendium des Landes Steiermark 2024. Ihr Theaterstück „Morvëies“ („Wunder“) wurde im Stadttheater Bruneck 2024 uraufgeführt. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, interdisziplinäre Projekte und Ausstellungen mit Gedichten. Ihr neuer Lyrikband erscheint im Herbst 2026. www.nadiarungger.com


-------------------------------


Nadia Rungger, born in 1998, is an author living in South Tyrol. She studied German language and literature and applied linguistics in Graz and Brixen. Her debut “Das Blatt mit den Lösungen. Erzählungen und Gedichte” (publisher Verlag A. Weger), was released in 2020. She has received several literary prizes and awards for prose and poetry in German and Ladin, including the Irseer Pegasus Literary Prize and the LICHTUNGEN Poetry Scholarship Lichtungen-Lyrik-Stipendium des Landes Steiermark in 2024. Her play “Morvëies” (“Wonders”) premiered at the Bruneck City Theatre Stadttheater Bruneck in 2024. She has published in literary magazines and participated in interdisciplinary projects and exhibitions featuring her poetry. Her new poetry collection will be published in autumn 2026. www.nadiarungger.com


All translations from german into english by Cornelia Klimas